Wie ich fast ein HipHopper wurde

Wir schreiben das Jahr 1983…
Ganz Deutschland ist von der Gott sei Dank in ihren letzten Zuckungen liegenden Neuen Deutschen Welle besetzt.
Ganz Deutschland?
Nein.
Leise, ganz leise macht sich ein Trend aus den USA im Lande breit. Zunächst nur belächelt und begafft („was labern Thomas Gottschalk, Frank Laufenberg und Manfred Sexauer da fürn komisches Zeug? Und was ist das da für ein interessanter Song? „Der Kommissar“ Aha…) aber EIN Fernsehabend, ein einziger kleiner Film verändert die Musiklandschaft der Republik…
Es war ein Montagabend (oder Dienstag?) kurz nach 10 Uhr, nach dem „Heute Journal“. Ich erinnere mich genau. Ich war beim zappen (durch drei Kanäle…) leicht gelangweilt im ZDF hängengeblieben…
Das kleine Fernsehspiel.
„Graffiti“
Hmm… Irgendwas aus New York…
Sieht ziemlich schäbig aus…
Aber geile Musik…

Funk und Soul waren mir schon vorher positiv aufgefallen und das hier hatte den gleichen Groove. Ich war gefangen… Als dann der erste Breakdancer den Linoleumboden betrat; als die Sprayer ihre nächtliche Arbeit an den vorbeifahrenden Zügen begutachteten; als dieser DJ, Grandmaster Flash in seiner Küche anfing, mit drei Plattenspielern zu scratchen (das Wort kannte ich damals natürlich noch nicht…), war ich begeistert. Der kleine Jott aus Bonn am Rhein ging ab wie die Feuerwehr…

Der Film „Wild Style“ war der erste (und bislang beste) Film, der die Rap- Grafitti- und Breakdanceszene von New York zum Thema machte. Wenn man heute die „alten“ deutschen Hiphopper der ersten Stunde nach der Initialzündung, die sie zum Rap gebracht hat, fragt, wird man von vielen eine ähnliche Geschichte hören und diese Geschichte wird mit „Wild Style“ zu tun haben. Dieser Film war tatsächlich für viele damals ein Wegweiser und der Grundstein einer neuen Musikbewegung in Deutschland…
Vom ZDF -unglaublich, aber wahr- mitproduziert, schaffte er es -nicht nur in Deutschland- über Nacht einen neuen Boom auszulösen. Gedreht an Originalschauplätzen, mit Akteuren, die hauptsächlich sich selbst spielten, unverfälscht und direkt, zeigte er die Realität. Das war die wahre Szene und nicht dieser weichgespülte Hollywoodmist, der 3 Jahre später in „Beat Street“ zu sehen sein sollte. Und die Musik… Für mich damals eine Offenbarung. Vom Gangsta-Rap noch ganz weit entfernt, erfrischend, relaxed und funky. Man hat in Filmen oder Videos später nie mehr so viele lächelnde und zufriedene Rapper gesehen…

Meine erste (selbstgekaufte… die von den Geschwistern geerbten lassen wir mal aussen vor…) Platte war noch Supertramps „Breakfast in America“, die zweite, unter dem Eindruck des Films gekauft, dann schon „The Message“ von Grandmaster Flash & the furious Five, und in dem Stil ging es erst mal weiter…Sugarhill Gang, Fab 5 Freddy, Kurtis Blow, Funky Four (+ one more) usw. Bei einem New York Besuch 1986 bekam ich dann nochmal eine pure Extradröhnung. Unter anderem war ich -naiv, blond und deutsch- zu Fuss in Harlem unterwegs und machte jede Menge Fotos, in Ecken, in die sich zu der Zeit kein Weißer traute…

Hmm… das erzähl ich später nochmal genau…

Ich bin dann allerdings doch kein Hardcore-Hiphopper geworden.
Keine Ahnung warum… Ich war wohl nicht der typische Fan, der das HipHop Movement als Ausweg aus der Vorstadt brauchte (oder wie die Klichees sonst so lauten…) Ich war doch eher angepasst…
Mein Musikgeschmack hat sich seitdem allerdings immer an Rap, Funk und Soul orientiert, später kamen dann noch die Londoner Szene mit Acid Jazz und ähnlichem und viele andere Einflüsse hinzu…
Diesen Montagabend (oder Dienstag?) aber werde ich wohl nie vergessen…

Bei YouTube sehen: Wild Style – die letzten 8 Filmminuten
Bei Amazon kaufen: Wild Style [UK-Import]

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~ von Jott - 9. Januar 2007.

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